Warum es sich trotz Allem gelohnt hat

Die Delphi-Methode wurde – nach Vorarbeiten Ende der 1950er Jahre – von der amerikanischen RAND-Corporation im Jahre 1963 entwickelt. Seitdem ist jedoch in der Entwicklung der Methode nicht mehr viel passiert, was sehr schade ist, weil ihr Potenzial zur Entwicklung und Evaluierung von Zukunftsfragen hochgeachtet ist.

Die Delphi-Methode wird von Karlheinz Steinmüller (1997) als „method of last resort“ bezeichnet. Diese Beschreibung ist unzutreffend, da die Expertenbefragung als meist eingesetzte Methode innerhalb der Zukunftsforschung gilt und oftmals als erster Schritt innerhalb des angebotenen Methoden-Mixes angewendet wird. Als Grund hierfür ist anzuführen, dass mithilfe der Methode grundsätzlich gute und gehaltvolle Aussagen über Entwicklungen untersucht werden können. Auch der Aufwand zur Erlangung der Ergebnisse hat sich in den letzten Jahren durch die Möglichkeit des Einsatzes von Online-Fragebögen (RTD) und Online-Experten-Netzwerken minimiert. Jedoch wurde innerhalb dieser rasanten Entwicklung vergessen, die qualitativen Voraussetzungen der Methode anzupassen und der Fokus wurde mehr auf die quantitativ verwertbaren Ergebnisse gelegt. Zum anderen wurde bei der Auswertung der Fokus ebenfalls auf die quantitativ verwertbaren Ergebnisse gelegt und die qualitativen Ergebnisse der Diskussionen, die diese Methode im Rahmen der Konsensfindung besonders verwertbar macht, unterschätzt oder sogar ignoriert. Das hat die Ergebnisse verwässert und die Delphi-Methode insgesamt in Verruf gebracht. Bezugnehmend auf die Kritikpunkte wies Karlheinz Steinmüller (1997) darauf hin, eine „besondere Aufmerksamkeit (…) bei Delphi-Studien zwei Aspekten (zu schenken), die eine Schlüsselrolle für den Erfolg spielen:

  1. der Auswahl eines geeigneten Expertenkreises und
  2. der Formulierung der Fragestellungen.“[1]

Durch die Diskussion von und mit tatsächlichen Anwendern der Methode innerhalb der Zukunftsforschung bei einer Konferenz 2017 des Masterstudiengangs Zukunftsforschung an der Freien Universität Berlin zeigte sich jedoch, dass in dieser Aufzählung zwei wesentliche Aspekte fehlen, welche von den Delphi-Experten als dominante Fehlerquellen identifiziert wurden und folgend ergänzt werden sollen:

  1. der Konstruktion der Fragebögen und
  2. der Anzeige und Diskussion der Auswertungen.

Was das Angebot eines adäquaten Tools angeht, spielt im Folgenden nur Punkt 3) eine Rolle, da die restlichen Punkte allein die Sache der Forschenden sind, die im Vorfeld eines Delphis die Fragen entwerfen. Fragebögen darf man diese mitunter gar nicht nennen, da auch diese meist den Gütekriterien nicht entsprechen, weil ihnen keine Theorie zugrunde liegt (siehe früheren Blogbeitrag).

Zunächst will ich auf die Anzeige der Auswertungen Bezug nehmen. Das gängige Format der Anzeige der Ergebnisse eines Delphis sind Balken- oder Kreisdiagramme. Diese sind ein deskriptiv-statistisches Instrument, welche eine Stichprobe graphisch wiedergibt. Um die Sinnlosigkeit dieses Verfahrens für die Zukunftsforschung darzustellen, muss ich einen kurzen Abstecher in die Physik machen. Wenn eine Frage z.B. lauten würde: „Haben Sie Lust auf eine Pizza, ein Schnitzel oder einen Salat?“ und das Ergebnis bei 100 Befragten Personen wäre: 70% Pizza / 20% Schnitzel / 10% Salat, dann ließe sich das graphisch sehr überzeugend in einem Diagramm darstellen und man kann dann das Ergebnis anhand des Diagramms diskutieren. Das Ergebnis wäre: die überwiegende Mehrheit der Befragten wollen Pizza essen, also möge es Pizza sein. Würden die 100 Teilnehmer jedoch eine Pizza serviert bekommen, würde 30 Minuten später das Ergebnis gewiss ein anderes sein. Die Diskussion wäre dann vielleicht: „Aber was ist, wenn ich gerne eine Kartoffelsuppe möchte?“ In der Physik bezeichnet man das dann als eine Abweichung vom Ausgangszustand. Diese Abweichung steigt folgend innerhalb eines Zeitabschnitts exponentiell und verstärkt sich zudem, wenn eine Abweichung von der Bahn durch einen Wiederstand auftritt. Um die exponentielle Auswirkung der Abweichung vom Ausgangszustand zu verdeutlichen, kann auch an die Geschichte des Erfinders des Schachspiels erinnert werden, dessen Entlohnung dadurch stattfand, indem auf jedem Feld des Schachbretts die Anzahl der Reiskörner verdoppelt werden sollte. Die Diskussion eines Diagramms, dessen Aussage innerhalb einer zeitlichen Betrachtung der Ereignisse überhaupt keine Aussagekraft besitzt, kann also nur als eine Stichprobe unter einer Möglichkeit von vielen dienen, um unterschiedliche, abweichende Möglichkeiten mit einer Diskussion darüber zu erodieren. Bleibt man jedoch im Rahmen eines Delphis beim Diagramm stehen und vernachlässigt die Diskussion, ist dem Aspekt der Zukunftsforschung kein Dienst erwiesen. Fachleute sind sich dieses Problems wohl bewusst, führen aber an, dass die Kunden meist nur die einfach verständlichen Diagramme interessieren und nicht die komplizierten Diskussionen der Experten über fachliche Differenzen im Anschluss daran. Jedoch fordert die Delphi-Methode vor allem diese Diskussionen, weshalb man eine alleinige Umfrage mit Bewertung und Auswertung gar nicht als Delphi bezeichnen darf.

Grund genug, sich im Rahmen der Anwendung der RTD-Methode und seiner Möglichkeiten mit Hilfe eines grundsätzlich neu überarbeiteten User-Interfaces auseinanderzusetzten. Was leistet also das von uns neu entwickelte Delphi-Tool? Zuerst einmal sieht es ansprechend aus und motiviert zur Teilnahme. Zudem ist es intuitiv gut zu bedienen und bietet einige Zusatzfunktionen, die der Bedienung helfen. Vor allem aber rückt das RTD-Tool die Diskussion über die Auswertungsergebnisse in den Vordergrund. Diese als qualitative Grundlage zu nutzen, um die Ergebnisse zu evaluieren und Zukunftsfragen zu erörtern, heißt aber dann für den Wissenschaftler mehr Aufwand, weil eine qualitative Datenanalyse durchgeführt werden muss. Bei chronisch knappen Budgets wird auf diese erhebliche Mehrarbeit oft verzichtet, auch wenn die Aussagen der Ergebnisse darunter sehr leiden. Umso wichtiger ist es, die Bedienungshilfen im Tool zu vereinfachen. Jetzt müssen nur noch die Experten ein Augenmerk auf die Differenzen zu den anderen Aussagen legen und diese argumentativ erfassen.

Das Tool dazu gibt es jetzt jedenfalls! Im Vergleich zu einem herkömmlichen RTD-Tool (dessen Code 21 Zeilen HTML umfasst, unseres mehr als 2000 Zeilen) kann ist ein neues und verbessertes Tool entwickelt worden, das den Namen Delphi verdient und den Anspruch an die Methode gerecht wird.

 

[1] Steinmüller, K. (1997): Grundlagen und Methoden der Zukunftsforschung: Szenarien, Delphi, Technikvorausschau. Werkstattbericht 21, SFZ, S. 76.

Warum es sich trotz Allem gelohnt hat

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