Szenario 3: Abgeschlagene Aussteiger

Wem die Stunde schlägt: Neuland blieb Neuland, Rückzug in die Provinz und hoffnungsloser Kampf ums Überleben

Wir beamen uns heute ins Jahr 2030. Die Digitalisierung hat die Wirtschaft ebenso wie das Privatleben radikal verändert. Erfolgreiche Firmen arbeiten global, dezentral und sehr flexibel. Männer und Frauen teilen sich Job und Haushalt, Gleichberechtigung ist kein Thema mehr. Der gesellschaftliche Wandel hat sich auch auf große Familienunternehmen ausgewirkt.

Welches sind die entscheidenden Einflussfaktoren, die den Alltag dieser Betriebe beeinflussen? Was bedeuten die Veränderungen für deren Fortbestand? Erstmals haben Prof. Dr. Birgit Felden, Direktorin des Instituts für Entrepreneurship, Mittelstand und Familienunternehmen (EMF-Institut), sowie die Wissenschaftler Mira Schirrmeister und Michael Schönmoser einen Blick in mögliche Zukünfte geworfen. Als ein Ergebnis präsentiert die 2018 veröffentlichte Studie „Familie – Unternehmen – Zukunft“ drei Szenarien für das Jahr 2030: Starke Stars (Newsletter 1), Nüchterne Netzwerk-Strategen (Newsletter 2), Abgeschlagene Aussteiger (Newsletter 3).

 SZENARIO 3: ABGESCHLAGENE AUSSTEIGER

Total digital, total banal: Hidden Champions, einst Rückgrat der deutschen Wirtschaft, die gekonnt die Brücke zwischen Tradition und Innovation schlugen, haben im Jahr 2030 den Anschluss verpasst. Avatar, Browser, Cloud: Für fortschrittsfeindliche Familienunternehmer sind das immer noch Fremdworte. Am Stammtisch zitieren sie immer noch gern den ehemaligen Bundeswirtschaftsminister Michael Glos: „Ich habe Gott sei Dank Leute, die für mich das Internet bedienen.“

Die Brauchen-wir-nicht-Mentalität der alten Patriarchen haben die einst agilen Firmen unbeweglich gemacht. Wie man sich täuschen kann, erfuhr der letzte deutsche Kaiser, Wilhelm II (1859 – 1941), noch zu Lebzeiten. Seine Vision: „Ich glaube an das Pferd. Das Automobil ist eine vorübergehende Erscheinung.“ Totgesagte leben länger. Die Chefs der Familienunternehmen, die Google ein schnelles Aus prophezeit hatten, stellen 2020 verwundert fest: Aus der Startup-Bude ist ein mächtiges Imperium geworden.

Die digitalen Analphabeten zahlen einen hohen Preis: IT-Profis kann die Provinz nicht locken. Denn die arbeiten nur noch im Neuland. Die Liquid Workforce bietet ihre Dienste ausschließlich auf Abruf auf der Cloud an. Qualifizierte Cloudworker sind gefragt und deshalb teuer. Begehrt sind Herausforderungen, nicht Nachhilfestunden in Sachen Internet.

Die Plattformen, auf denen sich indische und israelische IT-Profis tummeln, bleiben den ehemaligen Champions verborgen. Low Tech statt High Tech: Kein Anschluss unter dieser Nummer. Von den globalisierten Arbeitsmärkten können Familienunternehmen deshalb nicht profitieren. Virtuelle Konferenzen enden im Chaos, den Teilnehmern fehlt die Routine und dem Betrieb moderne Technik. Brauchen wir nicht, sagt deshalb der Chef und setzt auf das persönliche Gespräch. Gute Idee, machen wir aber nicht mit, kontern erfolgreiche Geschäftspartner. Ihr Mantra: global, dezentral, digital.

Statt wie früher aus der Provinz den Siegeszug in die Welt anzutreten, blasen die Chefs zum Rückzug in die Pampa. Und einige sogar mit Erfolg. Klasse statt Masse – Kein Kunde will, was der andere schon hat. Die Individualisierung von Produkten wird deshalb immer gefragter und somit anspruchsvoller. Im Karneval ordert der Kölner Autos im jeweiligen Vereins-Look. Die Wagen steuern Avatare in Gestalt von Prinz, Bauer oder Jungfrau. Die aktuellen Mitglieder des Dreigestirns müssen selbstverständlich täuschend echt aussehen. Bio-Feinschmecker kaufen nur noch lokale Produkte. An die Jahreszeiten angepasste Säfte, Saucen und Spirituosen aus der Region sind Renner im Handel. Das Geschäft bringt mäßiges Wachstum, sichert jedoch das Überleben. Das Gros der Unternehmen aber strauchelt.

Kinder, Küche, Buchhaltung: Gern können die Frauen arbeiten, solange die Männer entscheiden. Manpower bleibt Männersache.

Die gläserne Decke hält, was Mann sich verspricht. Doch der hat die Rechnung ohne die Demografie gemacht. Qualifizierte Fachkräfte fehlen. Kluge Köpfe, egal ob Mann oder Frau, machen bei Shooting Stars Karriere, nicht bei einer aussterbenden Spezies.

Der Druck nimmt zu, der Zusammenhalt ab. Zwei Lager haben sich formiert. Wie werden wir digital? Wo ist das Kapital? Von jahrelang hohen Ausschüttungen verwöhnt, wollen viele Gesellschafter der immer größer gewordenen Familien vor allem Geld sehen. Wie das verdient wird, interessiert sie kaum.

Unter den aktiven Gesellschaftern tobt ein Kampf um kluge Konzepte und Macht. Konflikte eskalieren und können nicht gelöst werden, denn an Familienverfassungen hat in den vergangenen guten Zeiten niemand gedacht. Statt am virtuellen Lagerfeuer trifft man sich jetzt immer öfter vor dem Kadi. Das schürt den Frust, senkt die Lust. Über dem Notausgang steht Exit. So riesig war das Verkaufsangebot in Unternehmensbörsen noch nie. Doch wo kein Kracher, da kein Käufer. Nur die Besten machen Kasse. Familienunternehmen, einst Produzent zahlreicher Erfolgsstorys, schreiben immer noch Geschichten. Leider ohne Happy End.

 

FAKTEN  FAKTEN  FAKTEN

Erstaunlich: In Deutschland erwirtschaften mehr als 170 Familienunternehmen einen Umsatz von jeweils über einer Milliarde Euro im Jahr.

Erschreckend: Immer mehr Töchter treten die Nachfolge in Familienunternehmen an. Gleichzeitig sind sie aber stärker im Haushalt eingebunden als die Männer.

Erfreulich: Die früher dominierende Erbfolge, wonach der älteste Sohn den Betrieb weiterführt, verliert an Bedeutung. Laut einer Studie des Wittener Instituts für Familienunternehmen übernimmt heute rund ein Viertel der Nachfolgerinnen und Nachfolger aus der Gen Y, die mindestens einen älteren Bruder haben, die Firma.

STARKE WORTE

„Also die Frauen ja, mit Sicherheit, das gab es bei uns noch nie. Also, Frauen hatten bei uns noch nie irgendwas zu melden. Schluss, Ende.“

„Die Menschen werden älter, aber bleiben fitter im Alter. Und das wird sicherlich dazu führen, dass … [Anm.: man] länger im Unternehmen bleibt. Bis man ihn quasi heraustragen muss. Was sicherlich für die folgende Generation nicht immer nur positiv sein kann.“

(Quelle: Unternehmerinterviews zur Studie „Familie – Unternehmen – Zukunft“)

FIKTION 2030 – LANDLEBEN

 Völlig überfordert vom digitalen High-Speed ziehen sich konservative Familienunternehmer immer häufiger zu Digital-Detox-Kuren zurück. Im Jahr 2030 reisen sie regelmäßig in die Freien Gebiete. Dort leben vor allem Rentner wie ihre Eltern, aber auch Anhänger der ADB, der Anti-Digitalisierungs-Bewegung: ohne soziale Medien, implantierte Handys und genmanipulierte Lebensmittel. Aus Sicht fortschrittsgläubiger Kids wie in der Steinzeit. Nur auf eine Errungenschaft wollen die Alten nicht verzichten: die kostenlosen Fahrten mit den SDBs, den Self-Driving-Busses.

 FIKTION 2030 – ARBEITSLEBEN

 Flexibilität und Kundennähe: Ihre wichtigsten USPs haben die Familienunternehmen verloren. Plötzlich ist der Kunde sich selbst der nächste. Der Siegeszug der 3-D-Drucker revolutioniert nicht nur die Arbeitswelt. Kleine, flexibel reagierende Produktionsstätten fertigen im Jahr 2030 in kürzester Zeit, was der Verbraucher ordert: Möbel, Hausgeräte, Autos, Solarpaneele, Maschinenteile. Selbst Körperteile wie Rippen oder Knochen sowie Organe wie die Leber kommen aus dem Drucker und werden von Ärzten operativ übertragen. Für den Hausgebrauch kaufen sich viele Familien auch noch günstigere Varianten der digitalen Alleskönner. Das Zuhause wird zur Kleinfabrik. Individualisierte Produkte sind jetzt Standard und kinderleicht herzustellen. Den Betrieben gehen massenweise Aufträge verloren.

FIKTION 2030 – LESESTOFF

Digitale Lesefolien, auf der sich jeder seine bevorzugten Lesestoffe aus diversen Magazinen und Zeitungen selbst zusammenstellt, haben Printmedien gänzlich im Jahr 2030 abgelöst. Gestört wird der Lesefluss nur durch Anzeigen, die wie auf einer digitalen Litfaßsäule immer wieder wechseln. Dass der Chip schon weiß, was einen interessieren könnte, bevor man es selbst weiß, das haben die Menschen akzeptiert. Von den abgeschlagenen Aussteigern liest man natürlich nichts. Digitale Litfaßsäule? Nie gehört, nie gesehen, nie drüber gesprochen, sagen die Patriarchen.

 FIKTION 2030 – DICKKÖPFE

Immer mehr Konzerne trennen sich von ihren CFOs. Zu leistungsschwach, zu lahm, befinden die Aufsichtsräte und vertrauen jetzt Künstlicher Intelligenz. Supercomputer haben alle Finanzdaten gespeichert, sind lernfähig und treffen alle Finanzentscheidungen autonom. Computer in der Führungsriege könnten bald auch andere Vorstände überflüssig machen. Vor allem CHROs fürchten um ihre Jobs, weil die digitalisierte Personalsuche das persönliche Bewerbungsgespräch am Firmensitz längst abgelöst hat.

Die Konsequenz: Aus Supertankern werden Speedboote. Und die trägen Konzerne sind heute genauso schnell wie die agilen Hidden Champions. Die analogen Dickköpfe hingegen verspielen, was sie einst erfolgreich machte: Innovationsstärke und Flexibilität.

2030: WAS FAMILIENUNTERNEHMEN BEWEGT

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Szenario 3: Abgeschlagene Aussteiger

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